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Unterwegs in der Holz- und Polsterklasse

Vor 50 Jahren fuhr die Ostfriesische Kleinbahn zum letzten Mal – Beliebt für Ausflüge und Klassenfahrten

Von DETLEF KIESÉ
   |   
08.11.2019
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Kreisbahn Wittmund-Aurich-Leer ging 1898 an den Start. Fortwährend hatte sie mit der Wirtschaftlichkeit zu kämpfen.
HARLINGERLAND
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Die Politiker im Landkreis Wittmund und in den benachbarten Landkreisen diskutieren aktuell den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) im Harlingerland. Entsprechende Versuche gab es bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – auf dem Schienenweg mit der Ostfriesischen Kleinbahn. Die 1898 gegründete Kreisbahn Wittmund-Aurich-Leer war angetreten, die größeren Ortschaften auf der ganzen ostfriesischen Halbinsel mit einem Bahnanschluss zu versehen. Doch das Auto lief dem Schienenverkehr zunehmend den Rang ab und machte dem Ideengeber von „Jan Klein“ – so hieß die Bahn im Volksmund – einen Strich durch die Rechnung. Genau vor 50 Jahren stellte man nach dem Personen- schließlich auch den Güterverkehr ein.


Wie die Kleinbahn zu Spitzenzeiten frequentiert wurde, macht der Abschnitt zwischen Ogenbargen über Esens nach Bensersiel deutlich: Mit den langsam fahrenden Zügen unternahmen Schüler ihre Klassenfahrt und Familien von der Küste einen Ausflug zu „Onkel Heini“, dem Zoo in Leer-Logabirum. Ganze Kinderscharen stiegen in Esens aus den Waggons der Reichsbahn (später Bundesbahn), um sich mittels Kleinbahn nach Bensersiel befördern zu lassen, wo sie zum Kuraufenthalt nach Langeoog übersetzten.


Per „Jan Klein“ transportierten die Ostfriesischen Muschelkalkwerke in Esens ihre abgefüllten Kalksäcke ab; der Kohlenzug mit fünf bis sieben Waggons für die Esenser Brennstofflieferanten Harm Heeren, Frerich Oldewurtel und Hinrich Siebels nahm nicht den Bundesbahnweg über Emden und Norden, sondern bediente sich der kürzeren Strecke von Leer über Aurich nach Esens.


Es war eine Zeit mit industrieller Aufbruchstimmung und Enthusiasmus: Neben der 1883 erfolgten Eröffnung der Reichs- und später Bundesbahn an der Küste war es zum Ende des 19. Jahrhunderts weiteres Bestreben, auch den Bewohnern des Hinterlandes eine wirkungsvolle Infrastruktur anzubieten. Nach längeren Planungen ab 1890 wurden am 5. September 1899 die Strecken von Aurich über Ogenbargen und Wittmundhaven nach Wittmund, ein halbes Jahr später ebenso nach Großefehn eröffnet. Nachdem das Unternehmen im Dezember 1908 in Kreisbahn Leer-Aurich-Wittmund umbenannt worden war, gingen die Loks mit Anhängern Mitte 1909 außerdem von Ogenbargen über Brill, Dunum, Esens bis Bensersiel auf Fahrt auf der einen Meter breiten Schmalspur-Strecke. Die Bahn hatte mit 84 Kilometern nun ihre größte Ausdehnung. In Wittmund (Bismarckstraße) und Esens (Norder Straße) wurden dafür Bahnhöfe mit Warteräumen und Kartenverkauf errichtet.


Die Personenwagen besaßen – auf einer Hauptstrecke wie Bensersiel – vier Abteile der Holzklasse und vier Abteile der Polsterklasse in rotem Samt sowie Linoleum-Fußboden und Messingleuchten. Die Wagen ließen sich beheizen, was allerdings sehr aufwendig war.


Bei Schnee musste die Belegschaft auch schon einmal Schnee von den Gleisen schippen. Während der Jahre des Ersten Weltkriegs wurde der Betrieb auf manchen Strecken wegen einberufener Beamter vorübergehend auf zwei Zugpaare täglich reduziert.


Der Wittmunder Kreistag unternahm schließlich Bestrebungen, Kleinbahnstrecken ebenfalls bis Neuharlingersiel, Friedeburg, Sande, Neustadtgödens, Wiesede, Friedeburg, Etzel und Horsten zu errichten. Doch dazu kam es nicht. Nach einer kurzen Blüte verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage rapide, das Unternehmen war auf Zuschüsse durch die drei beteiligten Landkreise angewiesen.


Gleise und Fahrzeuge waren heruntergewirtschaftet, die Rücklagen durch die Inflation geschluckt. So wurde 1930 über das Vermögen der Kreisbahn Leer-Aurich-Wittmund das Konkursverfahren eröffnet. Erst als sich im nachfolgenden Jahr die Kleinbahn Leer-Aurich-Wittmund GmbH gebildet hatte, konnte in Triebwagen und Gleise investiert werden.


Die Regionalbahn erhielt durch Aufträge für Baustellen der Luftwaffe in Wittmundhaven und Bensersiel einen wirtschaftlichen Aufschwung. Mit der Währungsreform 1948 setzte allerdings trotz mancher Sparmaßnahmen erneut eine Talfahrt ein, man konnte nicht in die im Krieg stark beanspruchte Technik investieren.


Der Betrieb zwischen Aurich und Esens wurde wegen schlechter Gleisanlagen auf die Straße verlegt, bis Bensersiel war die Bahn vornehmlich für den sommerlichen Bäderverkehr im Einsatz.


Wegen des defizitären Betriebs legte man 1951 den Abschnitt Ogenbargen bis Wittmund still, zumal auch der Güterverkehr im Zusammenhang mit dem bisherigen Militärflugplatz zu gering geworden war. Die Strecke wurde umgehend abgebrochen. Als nächstes stellte die Kleinbahn 1953 den Personenverkehr zwischen Esens und Aurich ein.


Mitte der 1960er Jahre planten das Wasserwirtschaftsamt Aurich und die Sielacht Esens den Ausbau des Benser Tiefs. Weil die Gleise vom Hayungshaus entlang des östlichen Kajedeichs in den Hafen Bensersiel im Wege waren, wurde 1966 in einem Vertrag eine Abfindungssumme für die Stilllegung der Tidestrecke vereinbart.


Inzwischen hatte eine Umfirmierung der Kleinbahn in Kreisbahn Aurich GmbH (1964) stattgefunden. Am 15. April 1967 fuhr der letzte Personenzug zwischen Esens und Bensersiel, nachdem die Kreisbahn schon am 15. September 1966 den Gepäck- und Expressgutverkehr eingestellt hatte, weil das dafür bestimmte, hoch gelegene Gleis den Bau der Hochwasserschutzanlagen im Hafenort störte. Fortan fuhr ein Bus für die Urlauber vom Esenser Staatsbahnhof in den Sielort.


Ende 1969 stellte die Kleinbahn wegen des hohen Schuldenstandes auch den Güterverkehr zwischen Aurich und Bensersiel ein, zumal das Land Niedersachsen eine Unterstützung abgelehnt hatte. Im nachfolgenden Jahr wurden die Gleise demontiert. Der Esenser Kleinbahnhof (heute Kinder- und Familienhilfeeinrichtung Stellwerk) wurde verkauft und zum Hotel umgebaut.


Esens‘ Kleinbahnhofsvorsteher Fokko Saathoff ging 1967 nach Aurich, wo er dann in der Geschäftsführung der Kreisbahn tätig wurde. Auf der ehemaligen Schienentrasse zwischen Bensersiel und Leer entstand der Ostfriesland-Wanderweg. Der Begriff „Jan Klein“ wurde nach Ende des Bahn-Zeitalters vom Verkehrsverbund Ems-Jade weiterverwendet.


FDP-Politiker Hermann Kröger (Esens) und der Wirtschaftsförderkreis Harlingerland erinnerten sich erst im neuen Jahrtausend wieder an, die einstige Infrastruktur via Schiene und stießen die Idee an, das Gleis der Nordwestbahn vom Esenser Bahnhof bis zum Bensersieler Anleger zu verlängern – um den Tourismus an der Küste und auf Langeoog zu stärken. Doch das Land Niedersachsen sah in dieser Angelegenheit keine Wirtschaftlichkeit. Nichtsdestotrotz will der Wirtschaftsförderkreis an seinem Vorhaben festhalten.


Mit der Eröffnungder ostfriesischen Küstenbahn (1883) waren die Stadt Esens und der Flecken Wittmund an das Netz der Deutschen Reichsbahn angeschlossen. Nach 100 Jahren stellte die Deutsche Bundesbahn den Personenverkehr zwischen Esens und Norden ein, 1985/86 erfolgte der Rückbau der Gleisanlagen zwischen Esens und Dornum.


Nach Sanierung der Strecke im Jahr 2000 übernahm die Nordwestbahn den Schienenverkehr zwischen Esens und Sande. Der östlich des bisherigen Bahnübergangs in Esens angelegte neue Bahnhof wurde 2003 eröffnet.







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