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Surreale Schönheit und innere Konflikte

(Teil 5) Um zwei Uhr geht es auf Nachtpatrouille

PIA
   |   
31.05.2018
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Fantastische Eindrücke, die die Soldaten während ihres Einsatzes in Mali erleben, stehen im krassen Gegensatz zu den psychischen Belastungen.
UPJEVER/GAO
 – 

Der Wecker klingelt laut und schrill. Blind suche ich die Matratze ab, während mein Handy weiter sein nerviges Signal abgibt. Als ich es zu fassen kriege, verstummt es und die Stille legt sich wieder über den dunklen Raum, nachts um halb eins. An normalen Tagen würde ich nach dem Aufwachen alle Nachrichten, Mails und Zeitungen durchforsten. Aber seit ich hier bin, habe ich kein Interesse an der Welt außerhalb des Hier und Jetzt.


Diese fremde, interessante Welt hat mich dermaßen in Beschlag genommen, dass ich mir nicht einmal einen Internetzugang habe geben lassen, um mit Familie und Freunden Kontakt aufzunehmen. Sie wissen, dass ich gut angekommen bin, das muss reichen. Auf einmal kann ich die Soldaten verstehen, wenn sie keinen Kontakt nach außen pflegen. Alles in Afrika erlebt man mit einer ungemeinen Intensität: Schönheit, Gefahr und das Miteinander. Das lässt wenig Raum für alltägliche Problemchen in Deutschland.


Als wir um zwei Uhr mit vier Dingos zur Nachtpatrouille in die Wüste hinausfahren, ist es nicht die Sonne, die uns Licht spendet, es sind die Scheinwerfer und der malische Nachthimmel mit seinen unzähligen Sternen. Den Innenraum des Dingos beleuchtet nur der Monitor der FLW.


Wir rattern über unebene Wege. Das Einzige, das ich sehe, ist schwarze Nacht. Wie bei der vorausgegangenen Patrouille halten wir an wichtigen strategischen Punkten, durchfahren Gao, und auch ich darf absitzen, wenn ich eine Sicherheitsfreigabe erhalte. Nachdem ich blind aus dem Dingo geklettert bin und meine 15-Kilo-Sicherheitsweste gerichtet habe, reicht mit Oberstabsgefreiter Thai meinen Helm. Hier in der Nacht brauche ich ihn nicht wegen der Sicherheit, sondern zum Sehen. Ich setze ihn auf und klappe das Nachtsichtgerät, genannt „Lucie“, herunter. Sofort wird aus den schwarzgrauen Umrissen ein klares Bild in Grüntönen.


Sand, Büsche, nichts, was ich nicht schon gesehen habe. Dann blicke ich auf und bin überwältigt. Hier in der Wüste gibt es keine künstlichen Lichter, die dem Nachthimmel Konkurrenz machen und ihn verblassen lassen. Überall funkelt es und die Milchstraße ist so klar definiert, dass es magisch ist. „Schön oder?“, fragt mich Oberfeldwebel Sami, genannt „Abu“, in die stille friedliche Nacht hinein. Er ist einer von Björns Stellvertretern und ich frage ihn, ob man sich jemals an diesen außergewöhnlichen Anblick gewöhnen kann. „Ja und nein, man übersieht ihn nach einer gewissen Zeit. Alles, was man nach vier Monaten noch wahrnimmt, ist roter Sand. In der Landschaft, der Kleidung, überall.“ Er erzählt mir, dass er das zweite Mal in Mali ist und 2016 im ersten Kontingent war, das die Objektschützer nach Westafrika brachte. Nach einer kurzen Zeit fängt er von selbst an, zu erzählen und spricht dabei in das dunkle Loch der Nacht: „Ich wusste nicht, wie nervig dieses Rot ist, bis der Einsatz vorbei war. Wir wurden wieder nach Bamako für den Rücktransport nach Deutschland gebracht, und da stand ein Baum mit grünen Blättern. Seit Monaten hatte ich nichts gesehen als Wüste und tote Landschaft und dann stand da dieser Baum, der mich irgendwie angezogen hat. Also hab ich mich drunter gesetzt. Dieses Grün hat mir so gefehlt, und ich wusste es nicht einmal.“ Er lacht und schüttelt den Kopf über seine eigenen Worte.


Das passiert öfter, dass sich die Soldaten in ihre eigene Welt flüchten, um Mali kurzzeitig zu verlassen und eine Pause zu haben. Denn Zeit ist eine verrückte Sache hier. Niemand darf Zeit für sich haben und ist jemals wirklich alleine. Ohne Auszeit ist Zeit nicht mehr wichtig und scheint gar nicht zu existieren.


So fühlen sich Stunden wie Minuten an, und Sekunden dehnen sich bis in die Unendlichkeit. Der Einsatz selbst ist eine stumpfe Aneinanderreihung aus 30-Stunden-Tagen, die sich wie in einer Spirale um sich selbst drehen. In diesem unregelmäßigen Rhythmus ist es schwer, sich nicht zu verlieren. Manche ziehen sich zurück, andere drehen auf und wieder anderen ist alles egal, da sie nur darauf warten, dass Samstag ist, denn dann gibt es zum Frühstück Pfannkuchen. Und dann gibt es die, die im Sport Ablenkung finden. Sie trainieren wie wild, verzichteten auf Kohlenhydrate und laden sich morgens sechs Eier und eine Bratwurst auf ihren Pappteller. Nach Hause kommen sie wie aufgepumpte Bodybuilder, die wenig erzählen oder im Falle von OSG Thai nach Lloret de Mar fahren, um sich die Kante zu geben, denn „sonst kann man das hier echt nicht vergessen.“ Dabei hat er noch Glück. Denn es gibt auch Soldaten, die so oft in den Einsatz gefahren sind, dass sie irgendwann aufgehört haben, gedanklich wieder nach Hause zu kommen. Der einzige Alltag, in dem sie noch funktionieren, ist der mit einem zu erledigenden Auftrag. Um das zu verhindern, sieht die Bundeswehr eine 24-monatige Pause zwischen Einsätzen vor. Mit dem Personalmangel ist das aber nicht immer umsetzbar. Ein Beispiel, aber kein Einzelfall ist Hauptfeldwebel Björn Minge. In den vergangenen 13 Jahren ging er fünf Mal in den Einsatz. Kosovo, Afghanistan, jetzt das zweite Mal Mali. Dazu kommen noch vier weitere Aufträge im Ausland. Ob er „zurückgekommen“ ist oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen, es hat ihn auf jeden Fall geprägt.


So stehen wir da in der Nacht und bewundern zusammen das Naturschauspiel, das gegen fünf Uhr von einem Weiteren abgelöst wird. Denn dann geht die Sonne auf und die goldenen Sonnenstrahlen kämpfen um jeden Zentimeter am Horizont, während die dunkelblauen Schatten der Nacht zurückgedrängt werden. Das ist ein Bild, das einen sprachlos werden lässt.


Teil 1 der Serie lesen Sie hier:

"Auf dem Weg ins ferne Mali"

Teil 2 der Serie lesen Sie hier:

"Plastische Eindrücke"

Teil 3 der Serie lesen Sie hier:

"Der Boden der Tatsachen"

Teil 4 der Serie lesen Sie hier:

"Fragile Stabilität"

Teil 6 der Serie lesen Sie hier:

"Ehre und Wahrheit"

Teil 7 der Serie lesen Sie hier:

"Eine Welt der Extreme"

 

Der Hintergrund

 

Die Serie „Pia marschiert“ startete vergangenes Jahr, als die Wochenblatt-Volontärin Pia Miranda (27) „einfach mal mitmachen“ wollte, und zwar beim Objektschutzregiment der Luftwaffe „Friesland“. 

Eine Truppenübung und einen Journalistenpreis später reist Pia nun nach Mali, um das vorerst letzte Kontingent aus Upjever zu besuchen, das nach Gao geschickt wird. 


Bis Mitte Juni werden die 45 Objektschützer noch in Gao sein. Ihre Aufgaben dort sind vielfältig.  Unter anderem die Sicherung von Flugzeugen, durch Gao und das Umland mit und ohne die malische Armee (FAMa) zu patrouillieren und einen Begleitschutz für die Drohne „Heron“ zu stellen.






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Autor des Artikels
Pia Miranda (pia)
Jever
Volontärin
Telefon: (0 44 61) 9 44 - 2 86
Fax: (0 44 61) 9 44 - 2 99
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