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Interrail-Reise: Große Weltpolitik im kleinen Bus

Interessante Unterhaltung während der Sechs-Stunden-Fahrt von Tirana nach Podgorica

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08.10.2019
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Teil 3 der Europareise: Im Gespräch mit einem jungen US-Amerikaner und einem älteren Kanadier prallen verschiedene Weltanschauungen aufeinander.
JEVER/TIRANA
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Reist man sechs Wochen lang alleine und preislich bedingt meist in Gruppenzimmern schlafend durch Europa, so ist die nächste Reisebekanntschaft nicht weit. Da ich mich in den meisten Städten und kleineren Ländern jedoch meist nur einen Tag aufhalte, sind diese Bekanntschaften nie von langer Dauer, meist auf einen gemeinsamen Tagesausflug beschränkt und spätestens mit der Zugfahrt am nächsten Morgen beendet. Dementsprechend beschränken sich auch die meisten Unterhaltungen auf den Austausch über interessante Museen, Sehenswürdigkeiten oder Tipps für das preiswerteste Restaurant in der Stadt. Diese Eintönigkeit ändert sich für mich auf einer sechsstündigen Busfahrt von Tirana, der Hauptstadt Albaniens, nach Podgorica, der Hauptstadt Montenegros. Da ich keinen festen Sitzplatz gebucht habe, werde ich mit fünf weiteren Reisenden in die letzte Sitzreihe im Bus verbannt. Eine Sitzreihe, die im Laufe der Fahrt zur angeregten Diskussionsrunde über Europa, Kultur und Politik werden sollte.


Rechts neben mir sitzt ein Mann, Mitte zwanzig, der gebannt auf sein Handy starrt. Er erfüllt so ziemlich alle Klischee eines typischen Touristen. Eine kurze Hose, deren Farbe sich mit der des Shirts beißt, Pilotensonnenbrille und rotes Cap. Als seine Aufmerksamkeit auf mich fällt, wirkt es so, als habe er seit Jahren keinen mehr zum Reden gehabt. Er stellt sich mir vor und beginnt damit, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Vor etwa drei Jahren habe er seinen Job in den USA aufgegeben, um seinen Traum vom unbegrenzten Reisen zu leben. Mit wenig Geld in der Tasche, dafür aber viel Erfahrung mit dem Glücksspiel, reist er seitdem durch Europa, immer dorthin, wo die nächsten Poker-Tourniere stattfinden. Und so beginne ich auch meine Geschichte zu erzählen, vom Interrail-Abenteuer in Europa, dem abgeschlossenen Abi in Jever und natürlich meiner politischen Einstellung zu all dem.


Spontan entschließt sich der junge Mann, bekennender Trump-Wähler wie ich herausfinde, mir seine Meinung zu Merkel, den Flüchtlingen und dem angeblich nahendem Ende Europas zu erzählen: „Bevor die alle zu euch kamen, war es aber deutlich sicherer auf euren Straßen“, lautet einer dieser Sätze, die ich im Laufe des Gesprächs immer wieder zu hören bekomme. Schnell wird mir klar, dass er – ähnlich wie sein politisches Vorbild – gegenüber jeglichen Fakten resistent zu sein scheint. Auf meine Frage hin, warum er trotz all der von ihm ausgemalten Schreckensszenarien noch immer voller Freude durch Europa reist, kann er mir keine Antwort geben. Überhaupt scheint er nicht viel mit meinem Bild von einem vielfältigen und fortschrittlichen Europa anfangen zu können, das kaum in mehr Kontrast zu seinem stehen könnte.


Nach einer Weile mischt sich mein Sitznachbar zur linken Seite in das Gespräch ein. Der ältere Herr, ein 72-jähriger Kanadier, lauscht unserem Gespräch schon eine Weile. Rein optisch betrachtet passt er viel besser in das Klischee eines typischen Trump-Wählers. Ich kann ihn mir gut vorstellen, wie er in seiner beigen Hose, den Kopf mit einem US.-Military-Cap bedeckt, zu der einen oder anderen Trump-Rally geht. Die Ansichten des pokernden Trump-Spielers scheinen ihm jedoch so gar nicht zu passen. „Was kannst du an diesem Idioten im Weißen Haus eigentlich finden?“, fragt er und schimpft leidenschaftlich über die falsche und menschenverachtende Politik Trumps, während der Bus an der Grenze zu Montenegro ankommt.


Vor uns eine Blechschlange wartender Autos. Noch immer in unsere Unterhaltung vertieft, flucht der junge US-Amerikaner über die ständige Warterei an den Grenzen. Trocken erwidert der ältere Herr aus Kanada: „Ihr Trump-Wähler seid doch sonst so offen für neue Grenzpläne: Dann musst du dich hier nicht wundern, mal ein wenig Wartezeit einzuplanen“. Im vierten Teil der Serie steht die Reise von Helsinki nach Tallin im Mittelpunkt.







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