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Fragile Stabilität

(Teil 4) Das erste Mal außerhalb des sicheren Camps

PIA
   |   
30.05.2018
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Bei einer Patrouille geht es sechs Stunden durch die Stadt Gao, auf sandige Hügel und an die Lebensader Malis: den Fluss Niger.
UPJEVER/GAO
 – 

Neun Uhr morgens, Aufbruch zur ersten Pa-trouille. Mir wird die 15 Kilo schwere kugelsichere Weste angezogen, die im Falle eines Schusswechsels meine inneren Organe schützen soll. Voll ausgerüstet mit Kamera, langen Anziehsachen gegen die Sonne, einem Cap und einer speziellen Sonnenbrille, die Geschosssplitter davon abhalten soll, in meinen Kopf einzudringen, klettere ich hoch durch die Tür des Dingos der Führungsgruppe. Caro, Domenic und ich sitzen hinten, Domenic in unserer Mitte, da er die „Fernbedienbare Leichte Waffenstation“ (FLW) auf dem Dach bedient und die Umgebung über einen kleinen Bildschirm im Auge behält.


Die zierliche junge Mara sitzt als Fahrerin vorne, Hauptfeldwebel Björn Minge hält als Zugführer Kontakt mit den anderen drei Wagen. Unsere Pa-trouille ist auf etwa sechs Stunden angesetzt. Wir fahren verschiedene „Observation Points“ an, die meist auf Hügeln liegen. Es handelt sich um strategisch wichtige Punkte, von denen die Rebellen oder Terroristen ihre Raketen auf das Camp, die Stadt oder den Flughafen schießen. Als wir auf einem der Erhebungen sind und ich absitzen darf, zeigt mir Björn, wie nah die drei potenziellen Ziele, Camp Castor, Flugplatz und Gao City, beieinanderliegen.


„Die Terroristen müssen nur einen der Punkte treffen und es herrscht Chaos. Beim Angriff auf die Stadt ist auch das Camp in Alarmbereitschaft. Wenn das passiert, gehen wir an unsere Grenzen. Dann besteht die Gefahr, dass wir müde und unvorsichtig und damit angreifbarer sind“, sagt Björn. „Das Gleiche gilt für den Flughafen, nur dass dabei noch ein wichtiger Versorgungsweg wegbrechen würde. Der zweite Versorgungsweg ist die Brücke, da fahren wir dann hin, nachdem wir in Gao Stadt waren.“


Während er weiter erzählt, blicke ich mich um. Überall ist das Land flach mit vereinzelten Hügeln. Dazwischen sind Sträucher, Büsche und ein paar knorrige Bäume. Alles ist gelbrot und bildet einen Kontrast zu dem wolkenlosen blauen Himmel, in dem die Sonne als weißer Fixpunkt dient und die Luft immer weiter aufheizt, je näher es an die Mittagszeit geht. Soldaten stehen im Kreis um uns herum und bilden das sogenannte Close-Protection-Team. Im Falle eines Angriffs wird es ihre Aufgabe sein, mich aus der Gefahrenzone und in Sicherheit zu bringen.


Dann geht es mit den Dingos durch Gao-Stadt. Wir fahren durch das Armen- und durch das Händlerviertel. Überall sind Frauen in bunten Gewändern, Kinder spielen im Müll, und als sie die Deutschen mit ihren Autos sehen, winken sie und lachen dabei überschwänglich. Die Männer lehnen sich an ihre Mopeds, unterhalten sich und sehen so aus, als hätten sie eine gute Zeit. Dabei ist es ein hartes Leben, das sie führen. Neben Terrorismus und ethnischen Konflikten ist auch der ganz normale Alltag durch Gewalt geprägt. Ein Menschenleben ist nicht viel wert, Selbstjustiz gehört zum Verständnis von Recht und Ordnung. Nachts ist die Situation so unüberschaubar, dass eine Sperrstunde ausgerufen wurde. Die wenigsten halten sich daran. Diesen ganzen Problemen und Herausforderungen zum Trotz versuchen die Menschen, wie jeder andere Zivilist auf der Welt ein friedliches Leben zu führen.


„Das frustriert schon manchmal“, sagt Domenic. „Die Mittel zu haben, die Bevölkerung zu schützen, aber nicht aktiv in die Geschehnisse eingreifen zu dürfen.“


Unser nächstes Ziel ist ein Plateau auf der anderen Seite des Flusses Niger. Dazu müssen wir zuerst die einzige Brücke in einem Umkreis von 100 Kilometern flussauf- und abwärts passieren. Hier sollte unsere Karawane eigentlich von einem Checkpunkt der FAMa kontrolliert werden. Doch es wird nichts gecheckt. Dies ist, mit dem Flughafen, der einzige Zugang, die Stadt zu versorgen. Sollte einer dieser Wege oder, schlimmer noch, sollten beide ausfallen, würde es keinen Handel, kein importiertes Essen, kein Wasser mehr geben. Dennoch schlafen die Leute der FAMa vor und in ihrem Häuschen und lassen neben Kuhherden und Händlern auch Schmuggler unkontrolliert ziehen.


Als wir nachmittags wieder im sicheren Camp ankommen, bin ich geschafft. Ich klettere den Dingo hinunter, suche im Schatten Schutz vor der Sonne und pule mich aus der kugelsicheren Weste. Meine Kleidung darunter ist klitschnass. „Mach dir keine Gedanken“, sagt Hauptgefreite Caro, „Wir schwitzen und stinken alle. Daran gewöhnt man sich irgendwann.“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich das jemals will.


Dann ist es sieben Uhr und ich werde ins Bett geschickt, weil nun angeblich der härteste Teil meiner Reise auf mich zukommt. Um zwei Uhr startet die sechsstündige Nachpatrouille, danach geht es weiter auf Tagpatrouille inklusive eines Ausflugs auf den lokalen Markt im Dorf Tacharan südlich von Gao. Als ich auf der durchgelegenen Matratze liege, fängt der Kopf wie von selbst an, die Eindrücke des Tages zu verarbeiten. Es war ungemein anstrengend, und es ist mir ein Rätsel, wie die Soldaten mit der Belastung klar kommen. Mit diesem Gedankenfetzen werde ich in einen traumlosen Schlaf gezogen.



Teil 1 der Serie lesen Sie hier:

"Auf dem Weg ins ferne Mali"

Teil 2 der Serie lesen Sie hier:

"Plastische Eindrücke"

Teil 3 der Serie lesen Sie hier:

"Der Boden der Tatsachen"

Teil 5 der Serie lesen Sie hier:

"Surreale Schönheit und innere Konflikte"

Teil 6 der Serie lesen Sie hier:

"Ehre und Wahrheit"

Teil 7 der Serie lesen Sie hier:

"Eine Welt der Extreme"

 

Der Hintergrund

 

Die Serie „Pia marschiert“ startete vergangenes Jahr, als die Wochenblatt-Volontärin Pia Miranda (27) „einfach mal mitmachen“ wollte, und zwar beim Objektschutzregiment der Luftwaffe „Friesland“. 

Eine Truppenübung und einen Journalistenpreis später reist Pia nun nach Mali, um das vorerst letzte Kontingent aus Upjever zu besuchen, das nach Gao geschickt wird. 

 

Bis Mitte Juni werden die 45 Objektschützer noch in Gao sein. Ihre Aufgaben dort sind vielfältig.  Unter anderem die Sicherung von Flugzeugen, durch Gao und das Umland mit und ohne die malische Armee (FAMa) zu patrouillieren und einen Begleitschutz für die Drohne „Heron“ zu stellen.

 






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Autor des Artikels
Pia Miranda (pia)
Jever
Volontärin
Telefon: (0 44 61) 9 44 - 2 86
Fax: (0 44 61) 9 44 - 2 99
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