Macher vor Ort
Wählen Sie den Suchtyp aus.
  • Website
  • Web
 
Bildergalerie
Bilder aktueller Veranstaltungen aus der Region.jetzt ansehen
Lesershop
„Handel im Wandel“ – Jetzt auch als Buch!zum Lesershop
<<
[1/1]Lesershop

Eine Welt der Extreme

(Teil 7) Hitze und Menschenmassen in Tacharan

PIA
   |   
04.06.2018
[0]

 
Der Besuch unter Personenschutz auf einem afrikanischen Markt wird zur Grenzerfahrung.
UPJEVER/GAO
 – 

Tacharan ist eine kleine Ortschaft südlich von Gao. Mit einer asphaltierten Hauptstraße, engen Nebengassen, niedrigen Kastenhäusern mit Lehmmauern und Eseln, die überall herumstehen. Für die Objektschützer, die mit der Mission Minusma in Gao sind, ist Tacharan von unschätzbarem Wert. Denn in diesem kleinen Dorf erhalten die Soldaten Informationen über Gaos Untergrund. Gao selbst ist viel zu korrupt und die Rivalitäten zu tief, als dass es Fremden gegenüber offen wäre.


Tacharan ist anders. Das merke ich schon, als ich mit den Objektschützern dort ankomme. Kaum sitzen wird ab, kommt einer der Dorfältesten freudestrahlend, mit weit aufgerissenen Augen auf uns zu. Der Afrikaner ist groß und wie alle in diesem Land sehr dünn. Er trägt einen Turban, ein weit sitzendes Hemd und eine ausgewaschene Jeans. Den Zugführer, Hauptfeldwebel Björn Minge, begrüßt er wie einen alten Freund und überschüttet ihn mit deutschen Floskeln.


Es ist jetzt Mittag, nirgendwo Schatten, in dem man sich ausruhen kann. Keine Wolke am Himmel und das Thermometer zeigt 60 Grad. „Ich gehe jetzt mit in eine Sitzung der Ältesten“ kündigt Björn an, für mich sieht er vor, mit dem Close-Protection-Team und der Pressesprecherin Meike auf den Markt zu gehen. „Wir treffen uns hier in anderthalb Stunden.“


90 Minuten sind eigentlich nicht viel, doch bei 60 Grad, mit langer Kleidung und zwei schweren Metallplatten um den Brustkorb geschnürt können 90 Minuten die Hölle sein. Wir setzen uns in Bewegung. Meine schweren Stiefel graben sich bei jedem Schritt tief in den Sand, was zusätzliche Belastung bedeutet. Nach 300 Metern sind wir beim Markt angekommen. Die Soldaten müssen auch noch ihre Waffen tragen, trotzdem bin ich diejenige, die am Schnaufen ist.


Der Markt ist relativ klein und schlängelt sich verwinkelt an den Häusern entlang. Die Stände bestehen aus trockenen Ästen und Tüchern, die Ware wird auf dem Boden präsentiert. Es gibt Fische, die aus dem dreckigen Niger stammen, natürlich gewachsene Mangos, die die Größe einer Wassermelone haben, Messingschmuck, den die Einheimischen aus abgeschossenen Patronenhülsen herstellen, und bunte Kissenbezüge, die – wie ein Mann mir versichert – aus dem „besten Kamelleder überhaupt“ gefertigt sind. Er schaut mich erwartungsvoll an und ich frage einen meiner Beschützer: „Muss ich das jetzt kaufen?“


Er verneint mit einem Grinsen, vermutlich weil man mir ansieht, dass ich völlig überfordert bin. Ich will höflich sein und streiche über den Kissenbezug aus Leder, sehe den alten Mann an, lächle und nicke „Très bon!“. Er ist begeistert und gewährt mir mit seinem Lächeln Einblick in seinen zahnlosen Mund. Aber sein Lachen ist ehrlich, und die freundlichen Augen bilden einen Kontrast zur dunklen, fast schwarzen Haut.


Hier auf diesem Markt in der Mittagssonne findet das ganze afrikanische Leben statt. Das Dorf und die umliegenden Siedlungen kommen zusammen, es wird verkauft, getauscht und auf eine Weise Kontakte gepflegt, wie es seit Jahrhunderten getan wird.


Das Neuartige sind die Soldaten und ich, weswegen sich mehr und mehr Menschen um uns scharen. Sie begutachten uns und winken. Kleine Kinder halten ihre Hand auf und betteln nach Geld und vor allem Wasser. Keines von beidem darf ich ihnen geben. Natürlich nicht, weil man möchte, dass die Kinder durstig sind. Aber es würde sich eine Erwartungshaltung gegenüber den Soldaten aufbauen, die sie niemals erfüllen können. Außerdem ist die harte Wahrheit, dass man vermeiden möchte, dass sie sich vertrauensselig bewaffneten Fremden nähern. Denn die könnten anstelle von Wasser den Tod bringen.


Der Markt wird jetzt immer voller, wodurch es noch wärmer wird. Ein Soldat fragt, wo ich jetzt hin wolle, aber ich habe keine Ahnung. Mein Kopf ist nicht fähig, irgendeine Entscheidung zu treffen. Irgendwas und Nichts suchend blicke ich mich immer wieder um, die Menschen werden immer mehr und die Geräusche werden lauter, kommen mir gleichzeitig aber leiser und gedämpft vor. Ich blinzle oft und habe das Gefühl, ich bin nicht mehr ganz da, die Sonne hat mein Gehirn gebraten. Dann fällt mein Blick auf Oberfeldwebel Moe. Er guckt in meine Richtung, formt mit Zeigefinger und Daumen einen Kreis und nickt mir zu. Er will wissen, ob alles okay sei. Nichts ist okay. Ich kann nicht denken, meine Sinne funktionieren nicht richtig und durch die Weste fällt es mit schwer, zu atmen. Kein Zweifel: Ohne die Soldaten um mich herum wäre ich hier im kleinen Dorf Tacharan im westafrikanischen Mali verloren. Aber sie sind da und sorgen sich ernsthaft um mich.


Kurz darauf geht es wieder zurück zu den Dingos. Die Sicherheitslage ist zu unübersichtlich, der Markt zu voll. Mit letzter Kraft und hängendem Kopf gehe ich von den Soldaten geschützt zurück und lasse mich mit klopfendem Herzen und prustendem Atem in den Sitz fallen. Mit einem „Du siehst nicht gesund aus“, begrüßt mich Domenic, der die Stellung gehalten hatte. Mein Kopf dreht sich, mir ist auf einmal eiskalt und ich habe Gänsehaut. So sitze ich da, und es dauert länger als 20 Minuten, bis mein Körper wieder normal funktioniert.


Diese Welt hier ist rau, gefährlich und voller Extreme. Das ist der Gedanke, den ich mit ins Camp und nach einer schnellen Dusche abends mit ins Bett nehme. Morgen früh geht mein Flieger, und ich habe das Gefühl so viel gesehen und empfunden zu haben, dass es für zwei Leben reicht.


Morgens geht alles ganz schnell, den Soldaten kann ich nicht auf Wiedersehen sagen, weil sie einen spontanen Auftrag bekommen haben. Auf der Fahrt zum Flughafen darf ich dieses Mal in dem Kastentransporter „Fred“ mitfahren. Es ruckelt wieder, im Gegensatz zu den Patrouillen ist es jedoch, als würden wir über glatte Asphaltstraßen rollen. Schweren Herzens steige ich aus, schultere mein Gepäck. Als ich das Flugzeug betrete, das mich und heimkehrende Soldaten nach Bamako bringen soll, begrüßt mich Luise. Die niederländische Stewardess ist stark geschminkt, kein Haar ragt aus dem glatten Dutt, und ihre Kleidung sitzt eng und elegant. Im Gegensatz dazu bin ich ungeschminkt und meine Kleidung ist dreckig. Dennoch glaube ich nicht, dass es mein Äußeres ist, das verändert wieder nach Hause fliegt.


Ich setzte mich an einen Fensterplatz, und als wir starten, blicke ich suchend auf den roten Wüstenboden. Die Start- und Landephase ist wegen potenziellen Raketenbeschusses gefährlich. Aber ich bin ungewöhnlich entspannt. Denn ich weiß, dass meine Schutzengel dieses Mal nicht über, sondern unter mir patrouillieren.


Teil 1 der Serie lesen Sie hier:

"Auf dem Weg ins ferne Mali"

Teil 2 der Serie lesen Sie hier:

"Plastische Eindrücke"

Teil 3 der Serie lesen Sie hier:

"Der Boden der Tatsachen"

Teil 4 der Serie lesen Sie hier:

"Fragile Stabilität"

Teil 5 der Serie lesen Sie hier:

"Surreale Schönheit und innere Konflikte"

Teil 6 der Serie lesen Sie hier:

"Ehre und Wahrheit"

 

Der Hintergrund

 

Die Serie „Pia marschiert“ startete vergangenes Jahr, als die Wochenblatt-Volontärin Pia Miranda (27) „einfach mal mitmachen“ wollte, und zwar beim Objektschutzregiment der Luftwaffe „Friesland“. 

Eine Truppenübung und einen Journalistenpreis später reist Pia nun nach Mali, um das vorerst letzte Kontingent aus Upjever zu besuchen, das nach Gao geschickt wird. 

 

Bis Mitte Juni werden die 45 Objektschützer noch in Gao sein. Ihre Aufgaben dort sind vielfältig.  Unter anderem die Sicherung von Flugzeugen, durch Gao und das Umland mit und ohne die malische Armee (FAMa) zu patrouillieren und einen Begleitschutz für die Drohne „Heron“ zu stellen.

 






Leserkommentare


Noch keine Kommentare | Erstelle einen Kommentar
Autor des Artikels
Pia Miranda (pia)
Jever
Volontärin
Telefon: (0 44 61) 9 44 - 2 86
Fax: (0 44 61) 9 44 - 2 99
E-Mail   Artikel
 

ePaper lesenePaper Grafik

Jetzt anmelden
Noch nicht überzeugt?
»Jetzt kostenlos testen!
 
WhatsApp-Service
 
 
 

Wochenblatt-Ressorts



Ems-Jade Wangerland, Wangerooge Wilhelmshaven Jever Schortens Sande
 
 
Top-Services
Shop AfH Kontakt Rat Karriere
BL-Tipp Events Blog Abo Meinung